Poecilia reticulata als Neozoon

Von Michael Kempkes
Dass Guppys anpassungsfähige Fische sind, wird jeder Aquarianer,
der sich intensiver mit diesen wundervollen Tieren beschäftigt hat, sicherlich bestätigen.
Und so haben diese Lebendgebärenden Zahnkarpfen mittlerweile in vielen subtropischen
und tropischen Regionen der Erde zahlreiche Biotope besiedelt.
Dabei lebt diese euryöke (anpassungsfähige) Art auch unter suboptimalen Bedingungen,
das heißt auch Belastungen des Gewässers, ungünstige Temperaturen
oder andere die Lebensbedingungen verschlechternden Parameter werden toleriert.
Die Ausbreitung in den wärmeren Regionen lässt sich dabei auf vier wesentliche Ursachen zurückführen.
Die Guppys und auch andere Poeciliinen (z. B. Gambusen) sind dafür bekannt,
dass sie in größeren Mengen Mückenlarven vertilgen.
Dies führte bereits vor über einhundert Jahren dazu,
dass vor allem das britische Kolonialministerium Guppys in zahlreichen Gewässern ansiedelte,
in der Hoffung, damit die Malaria tropica eindämmen zu können.
Und so schwimmen heute in den ehemaligen britischen Kolonien wie Indien oder
Südafrika die Nachkommen der seinerzeit ausgesetzten „Schädlingsbekämpfer“.
Der bekannte Ichthyologie Boulenger berichtete im Jahre 1912 davon,
dass die kleine Karibikinsel Barbados frei von Malaria sei.
Er führte dies auf das Vorkommen der Guppys zurück,
die laut Boulenger die einzige im Süßwasser lebende Fischart dieser Insel ist.
Dazu sei angemerkt, dass Barbados aufgrund seiner relativ jungen Geschichte als Kalksteinformation,
also kein Abbruch vom einstigen südamerikanischen Festland, vermutlich nicht zu den natürlichen
Vorkommensgebieten von Poecilia reticulata zu zählen ist.
Offenbar muss es wohl schon früher eine auf anthropogene Ursachen
zurückzuführende Besiedlung gegeben haben oder aber die Guppys haben auf
natürlichem Wege – etwa durch Stürme und/oder Wasservögel – Barbados
erreicht. Auch heute, in unserer scheinbar so aufgeklärten Welt, werden
noch immer Guppys ausgesetzt. So wurden Anfang dieses Jahres (2010) in
den brasilianischen Regionen Acre, Bahia, Mato Grosso, Mato Grosso do
Sul und Rondonia im größeren Stile Guppys ausgesetzt, in diesen
Bundesstaaten kommen sie ursprünglich nicht vor. In all diesen Regionen
setzt das Dengue-Fieber den Menschen erheblich zu. Durch die Ansiedlung
der in Brasilien auch als „Barrigudinhos“ bezeichneten Guppys verspricht
man sich ein Eindämmen der diese Tropenkrankheit verbreitenden Mücken,
durch das Fressen der Mückenlarven.
Der zweite Grund für die weltweite Verbreitung ist die
Globalisierung, denn durch das Verschiffen unzähliger Konsumgüter über
die Ozeane und Meere der Welt werden auch zahlreiche Organismen um den
Globus transportiert. Bei aquatischen Lebewesen dürfte diese wohl
überwiegend durch das Ballastwasser in den Schiffen erfolgen. Allerdings
dürfte das für Guppys eher eine ausgesprochene Seltenheit sein.

Die Verbreitung in tropischen Regionen der Welt haben schließlich auch
die Aquarianer indirekt mit zu verantworten. Einerseits trägt die
Nachfrage nach tropischen Aquarienfischen dazu bei, dass die Farmen in
Südostasien, Israel oder Südafrika in großen Mengen Guppys
„produzieren“. Dass dabei auch mal gelegentlich Fische aus den Farmen
entweichen, lässt sich wahrscheinlich nicht hundertprozentig vermeiden.
Darüber hinaus werden aber auch nicht zu verkaufenden Fische auf diese
Weise entsorgt. In Singapur beispielsweise wurde dadurch die Aquafauna
um zahllose, dort ursprünglich nicht vorkommende Arten „bereichert“.
Und schließlich tragen Aquarianer auch direkt durch das (etwa in Deutschland verbotene,
in anderen Ländern zumindest unerwünschte) Aussetzen überschüssiger bzw. „überflüssig“ gewordener Fische dazu bei,
dass Guppys heute Weltenbürger, also echte Globetrotter sind.
Dabei haben sie sogar das vergleichsweise kühle Mitteleuropa erreicht.
In der Literatur wurden Vorkommen in England, Luxemburg, Deutschland, Österreich, Ungarn
und in den Niederlanden bekannt (allerdings nur in künstlich, etwa durch Kraftwerke, aufgeheizten Gewässern).
Das bekannteste Vorkommen in den Niederlanden dürfte das bei den Hochöfen nahe Ijmuiden sein.
Erstmals berichtete Doornenbal (1968) über diese Guppy-Population, die die kalten Winter nur durch die erwärmten Abwässer überleben konnten.
Das Wasser war zwischen 25 und 30 °C warm und mit einem Ölfilm bedeckt.
Der Autor bezeichnete das Vorkommen der Guppys dort als „unbegreiflich“, wohl auch deshalb,
weil dort keine andere Fischart leben konnte.
Meines Wissens berichtete letztmalig de Groot-Moll (1984) über diese Population; es soll Körperlängen zwischen 10 und 12cm (!) gegeben haben
(was wohl eher auf die Fantasie als auf Realitäten zurückgeht).
Mündlichen Berichten zufolge soll es auch eine Population nahe Maastricht geben.
In Ungarn leben die bekanntesten Populationen auf der Margareten-Insel inmitten der durch Budapest fließenden Donau und am Plattensee (Balaton).
In Deutschland sind die Vorkommen im Spreewald und vor allem im Gillbach,
nordwestlich von Köln, am bekanntesten.
Letztgenanntes Vorkommen begleite ich seit dem Jahre 2000 sehr intensiv gemeinsam mit dem Tierarzt Frank Budesheim und dem Biologen Dr. Udo Rose.
Uns geht es dabei vor allem um die Auswirkungen der verschiedenen Jahreszeiten auf die Populationsentwicklung sowie um den Einfluss der diversen Fressfeinde.
In anderen Ländern sind auch die Einflüsse der Guppys auf die autochthonen Arten untersucht worden.
Vom Gambusia affinis und G. holbrooki war bereits seit Längerem bekannt,
dass diese beispielsweise im Mittelmeerraum verheerende Auswirkungen auf die dort lebenden
Killifische aus der Gattung Aphanius haben.
Sie treten als direkte Nahrungskonkurrenten auf, fressen den Laich und setzten sich
dank ihrer Aggressionen gegen die einheimischen Arten durch. In Mexiko
haben Biologen festgestellt, dass die dort ebenfalls ausgesetzten Guppys
unter anderem auch den dort autochthonen Hochlandkärpflingen Skiffia bilineata
zusetzen, indem die Guppymännchen die artfremden Weibchen verfolgen und
sie mit Kopulationsversuchen belästigen. Durch das ständige Fliehen vor
den lästigen Guppys fehlt den Goodeiden Zeit zur Nahrungsaufnahme.

Durch das Vorkommen fremdartiger Pflanzen und Tiere werden heimische
Arten teilweise unter Druck gesetzt. In Neuseeland kann man beispielhaft
belegen, dass zahlreiche heimische Arten durch die allochthone
Konkurrenz ausgerottet oder an den Rand der Ausrottung gedrängt wurden.
Inwiefern dies durch Guppys in subtropischen und tropischen Ländern
erfolgt, ist derzeit noch nicht annähernd erforscht. Fest steht aber,
dass die fremden Arten auch neue Forschungsgebiete darstellen. Sie
zeigen beispielsweise, welche enorme ökologische Plastizität etwa Poecilia reticulata aufweist.
Im kühlen Europa dürften dagegen die Guppys wieder aussterben, sobald die thermisch belasteten Abwässer versiegen.

Guppys in fremdländischen Biotopen sind ein sehr reizvolles
Forschungsgebiet. Wer auf Reisen geht und irgendwo auf der Welt neue
Guppy-Vorkommen findet, möge mir das bitte mitteilen (
michael.kempkes@web.de). Für solche Informationen bin ich sehr dankbar.
Literatur:

Doornenbal, W. (1968): Hoogoven-guppen. Het Aquarium (7): 157.
Groot-Mol, A. A. C. de (1984): De gup Poecilia reticulata. Het Aquarium 54: 332-333.
Kempkes, M., Rose, U. & F. Budesheim (2009): Ethoökologische
Beobachtungen an einer Guppy-Population (Poecilia reticulata Peters,
1859) in einem thermisch belasteten Gewässer in Deutschland
(Etho-ecological observations of a guppy population (Poecilia reticulata
Peters, 1859) in a thermally polluted stream in Germany (Online). –
Westarp Wissenschaften, BrehmSpace, URL: http://brehmspace.de/?q=de/node/371.